.

 00025

 

 
   

Hinweise zu Taßauwuf  تصوف   Sufismus / Sufik 

Die angewandte Wissenschaft der transzendenten Lebensqualität, wird Taßauwuf genannt. Imaan die Voraussetzung.  Muhammad Abu Bakr Mueller |  1420 - 1428 (1999 - 2007).

 

 

Taßauwuf ist die Wissenschaft des Einnehmens der inneren Qiblah (Ausrichtung in der Anbetung) im Einklang mit der Schariah (der Weg; das formale Gesetz), und der Sunnah, so wie z.B. die arabische Grammatik eine der Voraussetzungen für die Wissenschaft des Tafsiir ( Qur'aan - Auslegung) ist. "Suufi" ist der Name, mit welchem einst gottesfürchtige Muslime, die den Kampf gegen das eigene Selbst (Dschihaad akbar) als täglichen Begleiter wählten, bedacht wurden. Über die Jahrhunderte haben sich dann die Erkenntnisse und Erfahrungen der Suufis in verschiedenen Turuuq (Sing. Tariqah) institutionalisiert; manche Turuuq sind ausgelaufen, andere sind heute sehr verbreitet.

 

Die sprachliche Wurzel des Wortes Suufi liegt vermutlich in „Suuf“ (Wolle), weil die frühen Suufis meist raue Wollgewänder (im Sinn ihrer Weltentsagung) trugen und auch in „Saaf“ (Reinheit), weil es ja um die innere Reinigung geht. Möglicherweise steht „Suufi“ auch in Verbindung zum Wort „Sophia“ (Weisheit) usw., doch sind diese etymologischen Spekulationen für das Verständnis von Taßauwuf, nur insofern von Bedeutung, da sie darauf hinweisen, das Taßauwuf keine Erfindung ist, welche erst vor 1400 Jahren gemacht wurde, jedoch einen neuen sprachlichen und rechtlichen Kontext durch Qur'aan und Sunnah fand. Einer sagte: "Suufi war zuerst eine Realität ohne Namen und heute ist Suufi ein Name ohne Realität", was eben auf die Unwichtigkeit der Bezeichnung hinweist.

 

Der Begriff Derwisch درویش  (pers. Darwīsch) leitet sich vom Wort dar („Tor“, „Tür“) ab, ein Sinnbild dafür, dass der Bettler von Tür(schwelle) zu Tür(schwelle) wandert. In der Suufischen Symbolik bedeutet dies auch die Schwelle zwischen dem Erkennen der Dunja (diesseitigen Welt) und dem Akhirah, (jenseitigen Welt) und wird/wurde daher undifferenziert auch für Suufis verwendet, selbst wenn diese materiell gesehen wohlhabend sind, da es ja die innere Armut vor Allah  ist, das Fanaa' فناء  („die Entwerdung“, bzw. das „Nicht-mehr-selbst-bestehens im Angesicht Allahs“), was den Faqiir (der Arme) geistig gesehen definiert; die Äussere Armut ist aber das, was die Übung, welche zur innerlichen Armut hinführend wirkt; also ein Geschenk Allahs, dessen Annahme von den meisten frühen Schujuuch (Suufimeistern) als Voraussetzuzung für den Weg gesehen wurde; kurz, die Auflösung des gesamten materiellen Besitzes wurde oft als notwendiger Umstand für den Wanderer gesehen, da Besitz mitzutragen sehr belastend ist und wer außerdem sein Risq (Versorgung) außer durch Allah abgesichert glaubt, dem mangelt es an Tawakkul (Vetrauen auf Allah) der ist grundsätzlich nicht fit für den Weg des Suufis in diesem Sinn. ....... In den verschieden Kulturräumen gab/gibt es auch Bekleidungen, die in Verbindung mit Sunnah oder Taßauwuf zu bringen sind, so sich Rasullullah und manche seiner Gefährten die Kleidung selbst flickten, doch kann es sich auch um Nifaaq (Heuchelei) handeln um mittels Flickenrock.zu betteln. Was aber auch immer für Schwächen und Fehler ausfindig gemacht werden können, Taßauwuff ist der Name der Wissenschaft, welche zur innern Wahrheit in der mit ihr untrennbar verbundenen phänomenalen Welt führt.

 

Ob nun Suufi, Darwisch, oder Faqiir, - Taßauwuf ist auch die Weitergabe des Islam von Herz zu Herz oder wie Ihhsaan (das Nahverhältnis zu Allah ) zu erreichen versucht werden kann, oder wie das Bekenntnis zum Tauhid (Einheit Allahs) echt wird. Taßauwuf ist also der genau beachtete Weg und das Gehen dieses Weges ist die echte Lebensqualität, während der Raum in dem diese Wanderung stattfindet, die Liebe zu Allah und seinen Gesandten, Adab (Verhalten, Benehmen) Taqwa (Gottesfurcht, Vorsicht) und Tawakkul (Vertrauen in Allah ) sind der Wanderstab, während Taqwua (die Furcht vor Allah ) die Wurzel des 'Ilm (Wissen) Suchenden ist. In geschichtlicher Hinsicht ist Taßauwuf mit den Namen verschiedener Tjeweiligen uruuq (Pl. von Tariqah) bekannt geworden, welche meist Namen der Schujuuch oder deren Herkunft tragen: Qadri, Tarqawi, Naqshbandi u.s.f.

 

Der Weg muss gegangen werden, indem der Muslim Muriid (sich auf diesen Weg hingezogen Fühlender Schüler eines Schaikhs) wird, ob er nun leseunkundig ist oder Islam auf einer Universität studiert hat, aus Arabien kommt oder aus Mexico; andernfalls ist alles nur Geschwätz. Die Liebe zu Allah , dem Erhabenen Schöpfer all unseres Wissens und all unserer Zustände und die Liebe zu Seinen Ambiaa’ (Allahs Gesandte, der Friede und Segen Allahs seien auf ihnen), großer Respekt und Liebe zu den 'auliaa'' (Heilige, Freunde Allahs) und die konkrete Nisbah (notwendige Verbindung zu diesen Dimensionen) durch einem Schaikh (geistigen Führer auf diesem Weg), sind Voraussetzungen für die Wanderung. Die Anbetung Allahs und das Erkennen und Bezeugen Seiner Existenz sind der Sinn des Menschen; dort hin aber zu gelangen, ist der Weg. Die Schariah (das formale Gesetz oder der breite Weg, den alle Muslime gehen), die Tariqah (der schmale Pfad im Kampf gegen das eigene Selbst, der innerhalb des breiten Weges verläuft und der nur von wenigen eingehalten wird) und die Hhaqiiqah (Erkenntnis in Tauhiid [der Einheit Allahs]-, verwandt mit dem Begriff „Gnosis“) sind eine einzige Angelegenheit, ohne Widerspruch; Taßauwuf aber ist dafür die nötige Schule für Herzgestaltung, denn nichts von der Schöpfung außer den Herzen, vermag Allah zu enthalten außer dem Herzen, welches auch der Sitz des Intellekts ist. Wie könnte denn ohne ständigem Gedenken an Allah (Dhikrullah) die Nafs al ammarah (der begierige Seelenaspekt) oder der spekulierende Verstand, den Islam, die Unterwerfung wollen? Erscheint doch der Nafs die Erweiterung der Brust als Einschränkung und Unterdrückung! Nachdem Allah den Ibliis (Schaitdaan, Teufel) fragte: „qaala maa man’aka allaa nasdschuda idh amartuka“, „Er [Allah ] sprach: Was hinderte dich, dass du dich nicht unterwarfst, als ich es dir befahl?“ antwortet Ibliis: „anaa khairun minhu - khalaqtanii min naarin wa khalqtahu min Tdiin“ („Ich bin besser als er [Adam, der Mensch]. Du hast mich aus Feuer geschaffen, während Du ihn aber [nur] aus Ton geschaffen hast“) [Qur’aan 7/12], um ein Beispiel zu geben, wie der Verstand von der Nafs (Seele, Selbst, Ego) durch Stolz in seinen Argumenten gelenkt wird. So wie also Äusseres, formal scheinendes für diejenigen welche den Kampf gegen sich selbst aufgenommen haben, von Bedeutung ist, so unbedeutend werten es dagegen jene, welche das Innere als das Wichtige hervorheben, nur um sich für das Unterlassen des Äusseren (die Verbeugung Schaitdaans vor Adam) entschuldigt zu erklären, indem sie sagen: "Der Islam ist doch im Herzen; das Äussere ist ja nicht wichtig". Es ist aber genau was den Suufi ausmacht, dass er die Unterscheidung von Äusserem und Inneren einerseits als von der Nafs benutzt Ausrede, um sich zu verstecken entlarvt und anderseits aber diese Unterscheidung auch eine sprachliche Notwendigkeit ist. Von wem denn, außer vor Dem Allhörenden, dem Allsehenden will man Ausreden am Weg vorbringen, so er doch „ath-thaahiru“ (Der Äussere) und al baatdinu (Der Innere) heisst.

 

"Suufi" war ursprünglich der Name, mit dem einst die Leute der Weltentsagung benannt wurden; später aber auch diejenigen, welche sich dem inzwischen formulierten Taßauwuf (der Wissenschaft der Suufis) widmeten,- sei es als große Gelehrte oder Schüler eines oder mehrerer Lehrer (Schujuuch), als reicher oder Bettler. Heute aber beanspruchen selbst manche Nichtmuslime den Begriff „Suufi“ für sich, indem sie meinen, „Suufi“ seien diejenigen, welche offen oder insgeheim über dem din (die Lebensweise des orthodoxen Islam) stehen, indem sie verschiedene Texte aus der Suufi-Literatur lesen und grundsätzlich missverstehen, so die Autoren davon ausgingen, das der Leser Muslim ist die Grundkenntnisse des Islam seine Basis des Verstehens seiner Andeutungen sind, also das der Leser ein Muriid ist, der selbstverständlich der Schariah und Sunnah folgt und den Text von jemand bekommen, der weiß, das der Leser fähig ist, ihn richtig zu verstehen; nur wenige Muslime sind in der Position Texte zu verstehen; nicht für alle ist richtig, was für manche richtig ist; Ärzte geben den Krankheiten entsprechende Arzneien und im Sinne der Verträglichkeiten für den Patienten.

 

Die entstellenden Verwendungen des Wortes „Suufi“ und manch ihrer unsinnigen Praktiken, mögen für den Ehrlichen eine Überlegung sein, sich nicht mehr „Suufi“ nennen zu wollen, doch der nächste Schritt wäre dann, sich nicht mehr „Muslim“ nennen zu wollen, so dieser Begriff "Muslim" noch viel mehr missbraucht wird. In den Medien kann der Eindruck gewonnen werden, dass heute bereits Nichtmuslime den Muslimen erklären, wie Islam sie zu sein haben und diese folgen dann auch für ein par Süssigkeiten.

 

Ein Nichtmuslim besuchte eine "musealisierte" Tekke (türk. Versammlungsort der Suufis) in Istanbul, und sagte zu mir: „es müsse etwas gegeben haben, das heute aber nicht mehr aktualisiert werden könne.“ .... Nichtmuslime, können also beim Betreten von bereits musealisierten Räumen des Dhikr (Erinnerung an Allah ), etwas in ihnen Schlummerndes empfinden, obwohl in ihnen die Glaubenslehre vom haarigen Affen, der sich zum aufrecht gehenden, zivilisierten, rasierten Menschen entwickelte, aktiviert ist. ist das nicht ein Wunder? Manchmal wird der Ungläubige eben an seinen Urvertrag „alastu bi rabbikum“ („bin Ich nicht euer Herr“) erinnert, ein Vertrag, der in jedem Menschen unlöschbar gespeichert ist. Die Nafs (das Ego) blockt die Information vom Urvertrag aber ab, in dem er diese interne Nachricht von der geistigen Realität auf die Kulturebene hinunter schiebt und sich damit den Zugang versperrt; und wer hat noch nicht den Abblocker (dieses Bild vom Affenmenschenbild) bereits in der Schule eingeimpft bekommen?. Wer sich Taßauwuf annähern will, der muss sich der Devolution, also der geistigen Degeneration der Menschheit, bewusst werden.

 

Unter den Muslimen von Madinah (also am Anfang der Vervollständigung des Diin) gab es keinen definierten Säkularismus, doch nach dem Tod des Gesandten (der Friede und Segen Allahs sei auf ihm), begannen in der Ummah (Gemeinschaft der Muslime) erste Anzeichen zu keimen, wie z.B. die Verweigerung der Zakah durch einen Stamm, indem dieser meinte, die Zakah-pflicht galt nur zur Lebenszeit Muhammads (der Friede und Segen Allahs seien auf ihm) und dann die erste Abspaltungen: Dunja (Leben vor dem Tod) wurde von Aakhirah (das Leben nach dem Tod) zunehmend als etwas getrenntes behandelt. ..... und es "waren eben diejenigen, welche dann als "Suufii" bezeichnet werden sollten, welche die ursprünglich vermittelte Lebensqualität, den Diin, wie aus der Zeit Rasuulullahs (der Friede und Segen Allahs seien auf ihm) zu erhalten trachteten, während der Säkularismus in der Ummah seinen Einzug bahnte. Heute, in den säkularisierten, ehemaligen Islamischen und unIslamischen Gebieten, ist der Diin (die Lebensweise, Religion) fast nur mehr in den Glasvitrinen der Wohnzimmer zu finden, wo Skulpturen aus Keramik, die an den Qur’aan erinnern sollen, ausgestellt sind und die Gespräche beim Abendessen, mit einer Lifeübertragung  der Qur’aan-Rezitation aus Mekkah, untermahlen werden. Sind nicht die Muslime durch den Qur’aan darauf hingewiesen worden, dass man ruhig sein soll, wenn der Qur’aan rezitiert wird?

 

Wann also der Begriff Suufi bzw. Taßauwuf erstmals verwendet wurde ist nicht sicher festzustellen, doch waren die Vorgänger der Suufis die Sahaaba, (die Gefährten des Propheten  mit welche die gelebte Realität des Islam gefährdet sahen und entsprechende Konsequenzen zogen; wie z.B. die Erinnerung an den Qur'aan auch als "Buch aus Papier“ zu sichern so sie befürchteten, die Huffaz (diejenigen die den Qur’an auswendig in ihren Herzen trugen), könnten aussterben,- oder die Wissenschaft des tafsiir (Interpretation des Qur'aan) erst dann notwendig wurde, als falsche Behauptungen in Umlauf kamen und so entstand auch die Bezeichnung Suufi im Kontrast zum Aufkeimen des säkularen Trend. Alle ßahhaabah waren sinngemäss Suufis, doch der Name „Suufi“ war für sie nicht notwendig. Die Qualität des Din (nach ihrer Blüte in den Jahren der Offenbarung und noch dreissig Jahre danach), bewegt sich (ähnlich der Umweltzerstörung) seit damals ständig in Richtung Tiefpunkt, von Generation zu Generation (min khair ila scharr) und notwendigerweise bildeten sich im Laufe der Jahrhunderte, institutionalisierte Turuuq (pl. von Tariqah; "Suufi-Gemeinschaften"), wenngleich dies nie Absichten ihrer irrtümlich so benannten Gründer waren; diese Gründungen wurden von Orientalisten wohl in Assoziation zu christlichen Ordensgründungen hineininterpretiert so wie Muhammad (der Friede und Segen Allahs seien auf ihm) fälschlicherweise als Gründer des Islam dargestellt wird; Brunnengraben ist eine Notwendigkeit, doch die Absicht dazu ist nicht der Brunnen, sondern das Tränken.

 

Die Brunnen aber sind die Suufi-Schaikhs, und sind jeweils die letzten Glieder geistiger Ketten (Silsillah), zurückreichend bis zum Licht, welches Allah durch Muhammad (der Friede und Segen Allahs sei auf ihm) der gesamten Menschheit zukommen lies; eigentlich sind sie Selbst eben nicht; der wahre Schaikh hat nichts zu verteilen; der Muriid blickt in den Brunnen und sieht sein Spiegelbild. Es gibt unterschiedliche Disziplinen und Techniken (des Dhikr) welche die Meister lehrten, und wie sich die Muridiin aus dem Brunnen Wasser holen sollten und was Adab (richtiges Verhalten) bedeutet. Einiges ist aus den Büchern in europäische Sprachen übersetzt worden, doch wird beim Lesen vergessen, dass die Autoren immer umfangreiche Kenntnisse der Schariiah und Sunnah als Voraussetzung für das Verständnis ihrer Texte betrachteten. So sich Taßauwuf mit den versteckten Krankheiten der Seele beschäftigt, reicht eine Ingenieursprache nicht aus und die Meister verwendeten symbolische Begriffe wie: "Wein, Standplatz, Tötung des Selbst, Eingebung, Stimme aus dem Unsichtbaren, Umarmung, Rohrflöte, Raubtiere, ja eigentlich alles was man kennt bekam eine tiefe Bedeutung. Doch was ist geschehen seit diese Texte nicht nur mehr Auserwählten zugänglich sind? „Wein“ wird als das verboten Rauschgift verstanden und dann behauptet, Suufis würden das Verbotene für erlaubt erklären.

 

Die ehrliche Beziehung (Nisbah) zu einem der Gottesnahen, den 'auliaa' Allahs, bedeutet ein geistiges Hochgezogen werden, ein Beleuchtung der Stolpersteine am eigenen Weg und eine Erweichung des Herzens, wie es durch eigene Anstrengung niemals erreicht werden könnte; Kerzen müssen angezündet werden bevor sie leuchten und wenn sie einmal brennen muss ihr schwaches Licht wiederum im Wind geschützt werden und genau dazu dient die schari’ah, (das Gesetz, der Weg) und die Sunnah (die lebensweise des Gesandten Allahs - der Friede und Segen Allahs sei auf ihm). Es gibt keinen Taßauwuf der getrennt von Schari’ah und Sunnah existieren würde; das ist dann was anders; jedenfalls hier nicht unser Thema. Jeder Muslim ist verpflichtet, mit Hilfe einer Führung zu wandern, doch ist der Zugang oft schwer, denn wer weiß schon, wie man einen richtigen Schaikh erkennt, wo doch so viel von Schwindler zu hören ist; von Schaikhs die „angebetet“ werden usw. Viele verleugnen gleich gänzlich den Weg, Taßauwuf, indem sie nur Mängel der Schujuuch (pl. von Schaikh, geistiger Führer) und ihrer Murideen (pl. von Murid, Hinstrebender, Adept, Schüler) eifrig studieren und darüber Bücher verfassen, anstatt ihre eigenen Fehler zu bekämpfen. Nicht selten werden Schujuuch (geistige Führer), auch zwecks persönlichem Wirtschaftswachstum und anderen kurzfristigen Interessen aufgesucht, wodurch ein entstelltes Bild von Taßauwuf provoziert wird.

 

Und es mag die Frage aufkommen, wie Ikhlaas (die perfektionierte Anbetung Allahs) mit der Hilfe eines Meisters (Schaikhu-l-kamil) erlangt werden kann, wo er doch Menschen ist, der mit Schwächen und Neigungen und Fehlern behaftet ist, jemand der prinzipiell auch große Sünden begehen kann? Wisse, es ist nicht der Schaikh, sondern ausschließlich die Gnade Allahs, die in durch einen Schaikh in den Menschen etwas bewirkt; die Leute von Dschannah (Bewohner des Paradies) sind nicht gleich denen von Dschahannam (des Feuers) und wer Allahs 'auliaa'' bekämpft, der wird von Allah bekämpft werden und hat keine Möglichkeiten mehr; wer sie aber liebt, ihre Nähe sucht und sich durch sie leiten lässt, der ist Allah allein durch das Zusammensein mit ihnen näher gekommen als er je durch seine Anstrengungen erreichen hätte können und wird durch sie vom Säkularismus weggezogen und findet durch sie Hinweise für seine Anstrengungen für seinen Weg, der Dschihaad akbar. Wer Rasuulullah (der Frieden und Segen Allahs seien auf ihm) auch nur für einen einzigen Moment gesehen hat und an Ihn geglaubt hat, der ist allein dadurch ein anderer Mensch geworden, auf in einen Rang erhöht worden, der durch nichts mehr erreicht werden kann. Wer nun mit einem der 'auliaa' zusammen ist, Nisbah (geistige Verbindung in Anerkennung) hat, der verändert sich entsprechend, allein schon weil er in dieser Gesellschaft mit der richtigen Absicht verbringt; es ist aber nur Allahs der dies so bestimmt hat und die Veränderungen bewirkt. Die Menschen sind mit denjenigen zusammen, welche sie lieben; und wer Allah liebt, der wird mit den Ihn Liebenden zusammen sein.

 

Heute nehmen Ingeneure und Professoren der Medizin, Wirtschaft und Elektronik immer mehr die Positionen geistiger Führung unter Muslimen ein und dem entsprechend erscheint ihnen Taßauwuf immer fremder oder absurder; und es sind die "demokratischen Volksdiktaturen", ahnungslos des Weges, welche diesen Ingeneuren ihre amtliche Legitimität nach Wahlen, bestimmt durch Begierde, verleihen. Andere wiederum sprengen sich in die Luft, um vielleicht um dadurch sich mit Gewalt gegen sich selbst zum Licht zu verhelfen und  glauben, dass sie für den Islam kämpfen aber verleugnen Islam, indem sie die 'auliaa'’(Heiligen) leugnen. Diese zwei kulturellen „Repräsentantengruppen“ des Islam, müssen die Suufis als Verrückte, von der Wirklichkeit ihres eigenen Strebens Abgerückte, erscheinen. Am Anfang war Islam fremd und am Ende wird Islam wieder fremd sein.

 

Das Verhältnis von Taßauwuf zu Islam ist also so wie das Verhältnis arabischer Grammatik zum Qur'an; man bräuchte grundsätzlich nie die arabsiche Grammatik zu erwähnen um das Paradies zu erreichen. Allah erwähnt nicht direkt das Studium der Grammatik und erwähnt nicht wörtlich Taßauwuf.  Der Suufi ist der, der die Grammatik der Seelen bewusst betrachtet, doch gilt sie auch für die, die davon nichts wissen. Wer aber denkt, dass das Studieren arabischen Grammatik, oder des tafsiir usw. ohne entsprechender Herzgestaltung (also ohne Unterweisung durch einen Suufi-Schaikh) genügt, der ist wie einer, der das Getriebe seines Fahrzeugs verleugnet und nur seine Fortbewegung ohne Zusammenhang betrachtet. Diejenigen, welche die Lehren des Taßauwuf zu befolgen versuchen, folgen zuerst einmal einer der vier madhaahib (Rechtsschulen, um nicht Gefahr zu laufen, durch verschiedene Eingebungen und Vorstellungen vom rechten Weg abzukommen, denn Schaitdaan kennt alle Winkel des Fortschrittes und es ist ihm ein leichtes, in die Irre zu führen; die Rechtsschulen aber, sie schneiden die Einbildungen ab. Allein deshalb ist es klar, das Taßauwuf keineswegs mit Abspaltung von Islam zu tun; das Fehlerhalten mancher Suufis und das Ingenieurverständnis des Islam vieler Muslime, führt immer wieder dazu, Taßauwuf (oder wer so will, Sufismus) als eine Neueinführung (bid´a) zu deklarieren, also etwas, was mit Islam nichts zu tun hätte, während es genau dazu dient, Bid’ah zu verhindern. So absurd dies ist, so viele glauben das, insbesondere diejenigen, die wandelnde Beispiele für Bid´ah sind.

 

Taßauwuf steht im Gegensatz zum kulturellen Verständnis des Islam und ist die Lebensweise, welche die geistige Realität mit der äusseren Form in Einklang zu bringen trachtet und Säkularismus hat dabei keinen Platz in den Herzen derjenigen, die versuchten am Weg zu ihren Schöpfer nicht über die Vergnügungen der Welt zu stolpern oder sonst wie abgelenkt zu werden. Das Leben der Suufis erschien vielen als absurde Askese oder Verrücktheit, wohingegen diese Verrücktheit, eigentlich Hingerücktheit in der Nähe Allahs immer spürbarer wurde und durch kein Vergnügen ersetzt werden kann. Taßauwuf ist die bewusste Beschäftigung mit der inneren Realität, der geistigen Lebensqualität, welche auf der Kenntnis intimer Beziehung zum Schöpfer und dem versteckten Götzendienst der Seele beruht. Das Erlebnis des Suufis, das mag das „Sein im Sein Allahs“ (Wahhdatu-l-Wudschuud) sein, das Ziel aber ist 'abdiaat (Versklavung, Dienerschaft) in der Bezeugung der Einheit Allahs (wahdat al schuhuud), wie es einst Bilaal (möge Allah mit Ihm zufrieden sein) während er gefoltert wurde, ständig „Allah u-Ahad“, rief.

 

Der Weg beginnt, indem sich der Wanderer unter die Führung eines Schaikhs (Pl. Schujuuch Lehrer, Meister, Murschid, Pir), welcher eine Verbindung zum Geliebten Allahs, zu Muhammad (der Friede und Segen Allahs seien auf ihm) verpflichtet, indem er Bayah nimmt (Treueversprechen, Allah zu folgen). Alls dann sich der Muriid sein Islambekenntnis mehr und mehr verinnerlicht bis er in Tauhiid eingehüllt ist, ja erleben mag, jetzt erst vom Muschrik (Götzendiener) zum Muslim (in Allah Ergebenen) geworden zu sein, obwohl er eventuell bereits als Kind den heiligen Qur’aan auswendig gelernt hatte. Keineswegs ist Taßauwuf einfach mit Mystik (etwas Unbeschreibliches) zu übersetzen, wenngleich Mystik phasenweise eine Begleiterscheinung ist, denn je weiter man wandert, desto deutlicher wird, dass auf Zwischenstufen vieles wie ein Mysterium erscheinen mag, da Qurb (Nähe) und M'ayiah (Mitheit) in Bezug zu Dhaat (Wesen Allahs, das Absolute Sein), nur als bestimmungslos (laa T'ayiun) in unserer beschränkten Wahrnehmung existieren kann und sich jeder Sprache entzieht.

 

Suufis sind also orthodoxe Muslime die auf das Äussere nicht getrennt vom Inneren betrachten und welche sich Taßauwuf (die Wissenschaft der innerem Aspekte der Schariah unter Führung eines Meisters) zum Lebensinhalt gemacht haben und keineswegs eine von ahlu-s-Sunnah wa-l-dscham'a abweichende Glaubensgruppe. Taßauwuf ist auch die Bezeichnung für das gelebte Kernstück des Islam, der ursprünglichen, offenbarten Din (Religion). Wer dieses Kernstück nicht kennt oder keinen Zugang findet, dem bleibt das Bedürfnis und die Sehnsucht, sich zu seinem Schöpfer zu wenden in absurder Logik versteckt, wobei sein Weg meist durch Irrlehren, extrem gefährdet ist und u.a. zum bereits erwähnten Selbstmord im Mantel eines Schahiid (Märtyrers) zur Ersatzhandlung für all die abgeschnittene Dimension der Liebe herhalten soll; wie sollte sich der Mensch nicht nach der Dimension sehnen, die Allah für ihn erschaffen hat; schahiid (Märtyrer) zu werden gehört zu den Wünschen jedes Muslim, doch kann man sich das nicht wie ein Droge aussuchen. Möge Allah den Muslimen gnädig sein, in Ihren Verirrungen.

 

Im Laufe der Jahrhunderte haben sich also verschiedene turuuq (Pl. von Tariqah, geistige Weggemeinschaft, Orden) gebildet, welche für Aussenstehende den Eindruck erwecken können, sie sie hätten von ahl-as-Sunnah wa-l-dscham'a abweichende Praktiken oder Glaubensinhalte entwickelt, da entweder der Betrachter selbst falsche Vorstellungen eingelernt hat oder aber die turuuq,- welche sich unter unterschiedlichen Umständen und Einflüssen über längere Zeiträume entwickelten,- in einem bereits demokratisierten, spekulativen in verschiedenen ehemaligen Islamischen Gebieten ausbrach, oder brandschatzenden Horden mit ihren Irrlehren für die Suufis lebensgefährlich wurden, verlegten sie das gemeinsame Dhikrullah (Gedenken Allahs) teilweise in den Untergrund, wodurch sich situationsbedingte Schutzmechanismen entwickelten, ohne später wieder abgeschafft zu werden.

 

Der Begriff „Suufi" wird heute aber auch von Gruppen vereinnahmt, welche die Schar'iah leugnen oder meinen, dass Sufismus und Islam etwas Verschiedenes seien. Es gibt "Suufis", die mit Islam ganz bewusst nichts zu tun haben wollen, da sie der Meinung sind, „Suufi“ ist jemand der über den Konfessionen stünde, und manche machen mit dieser Geschäfte, indem sie Seminaren mit Tanz usf. veranstalten und Fragmente, abgestimmt auf Erwartungen der Teilnehmer, aus verschieden Kulturen zusammenbasteln; es ist hier aber der falsche Platz, diesem Unsinn weiter Erörterung zu unterziehen. Obwohl Sufismus also außerhalb des Islam sowenig existiert wie Schifffahrt ohne Wasser, gibt es aber das Phänomen des "PseudoSuufis" unter verschieden Namen und das Gegenstück sind die haschawiah (Antropomorphisten), welche die PseudoSuufis als Argument gegen Taßauwuf und zur Rechtfertigung ihrer eigenen Irrlehren benützen. Und es gibt auch diejenigen, welche sich zwar zum Islam bekennen, aber tatsächlich nur in ihre in der Kindheit automatisierten Kultursuppe Namens Islam schwimmen und; also die Liebe zu Islam eher mit Gewohnheiten, Kindheitserinnerung, nationaler Identität usf. verwechseln.

 

Jede Tariqah hat naturgemäss ihre Silsillah (Kette), welche bis auf den Propheten Muhammad (der Friede und Segen Allahs sei auf ihm) zurückreicht; also eine Kette der Weitergabe des Siegels des Wissens, von Herz zu Herz. Die meisten Muridiin sehen ihren Meister als Qutub oder Ghaus (geistige Rangordnungen innerhalb der von Allah bestimmten Hierarchie) und das dies auch legitime Überzeugungen und wenn aber jemand den Qutub in einem unbekannter Schuster vermutet, der seit vierzig Jahren jede Nacht im Geheimen betet, so ist daran auch nichts auszusetzen.

 

Ich selbst, der Zusammenklauber dieser Hinweise, bin einst Muriid des Grossmeisters der Naqschbandi Saifi Tariqah, Akhund Zada Saifu-r-Rahman aus Ardschi (Afghanistan). Schaikh Saifur-r-Rahmaan starb am 14. Radschab 1431 (2010) und wirkte zuletzt in Lahore / Pakistan. Möge Allah ihm gnädig sein.

.