Spiegelblick

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Und, wenn du (am anderen Ende des Tunnels) herauskommst, beginne mit dem Erfassen dessen wo du bist und wünsche dir nicht wo anders zu sein, denn sonst musst du neu beginnen. Versuche nur, dir über deine neue, bisher unbekannte, glückliche Lage klar zu werden. Schau dir die Felder an und die Berge und die Blumen und die Vögel und wie das Wasser von oben nach unten fliesst und deine Beziehungen und deine Erkenntnisse und deine Unterhaltungen und dann dich selbst und frag dich, was du bist und was du warst. Wenn dir das genügt und du zufrieden bist, fertig. Sonst schau dir das alles nochmals im Spiegel des (erkennenden) Herzens an und alles wird dir zerkratzt und unkenntlich und trüb erscheinen. Die Politur ist im unvermeidlichen Tunnelleben verloren gegangen; der Spiegel ist verrostet. Beginne den Spiegel vom groben Rost zu befreien, bis du die Umrisse des Hügels erkennst. Suche dafür im Aushub feines Material und poliere damit den Spiegel (deinen Herzens) bis du dich selbst darin erkennst und das bereust, wovon dir der Aushub erzählt. Kannst du den Blick in den Spiegel halten, dann hast du die erste Station der Orientierungslinie erreicht. Dieser Ort ist der Standplatz der Umkehr. Und wovon bist du umgekehrt und was hast du bereut und wovon beginnst du enttäuscht zu werden? Du bist von Selbstbetrug und Täuschung umgekehrt und bereust deine Einbildungen, wie Adam (der Friede und Segen des Erhabenen seien auf ihm) bereut hat, als er das Paradies verlassen musste. Die Orientierungslinie verläuft oberhalb des Basistunnel und es ist deine Aufgabe, den unterirdischen Weg oberhalb zu erkennen. Du wirst jetzt deine freie Welt als Gefängnis begreifen und diejenigen, welche in ihr noch das Paradies sehen, werden dich zu ihren Ansichten zurückzuerklären trachten und dich für verrückt halten, denn du bist wirklich abgerückt vom Standplatz ihres Wahns. Deine Zeit des linearen Denkens ist ausgelaufen und deine säkularen Künste sind wertlos geworden. Die Unterwerfung der Seele, vor Dem, Der sie geschaffen hat, das ist die innere Ruuhhe; der Weg ist die Orientierungslinie.

 

Der Blick hat sich im Kontext europäischer Zwänge, fortschreitender Erkenntnisse, anhaltender Kriegsführung und Erfahrungen im medialen Bereich, als ein Suchender nach Lebensqualität im Sinne intensivierter Bewusstheit langsam etabliert, bis es zu der alle Medien und Aktivitäten umfassenden Erfassung, ohne konkrete Abgrenzungsansprüche, gekommen ist, welche wiederum als ständige Bewegung sich selbst genügen möchte und auch eben die erwähnten Begrenzungen verlassen zu haben meint. Dieser Blick ist ständig im Wachsen, während der in die ursprüngliche Lebensqualität rückführende - im Sinne vergessener Zusammenhänge und eigener Prämissen - als geistiger oder als kultureller Rückschritt erlebt wird, da sein Erleben im Bereich des Unbekannten liegt. Dieser Blick für den Blick blickt in

diesen Kontext und hat Weg und Wahl, da es sich im Grunde nur um die verdrängte Suche nach einer viel intensivieren, geistigen Lebensqualität handelt, welche mit der Sprache der musealen Kunst zwar angedeutet, nicht aber erreicht werden kann. Im Sinne der Vermeidung synkretistischer Erlebnisse, welche diese Forschung und ihre Methoden mit sich bringen, werden sie als das zu Überwindende deklariert und müssen fortan durch Eigendefinition genau das leugnen, was sie sahen und wünschten. Wer also diese Forschung zum biologischen Hirnereignis reduziert, wird den geistigen Bereich zwar feststellen und als Erlebnis nicht leugnen, doch die Werkzeuge innerhalb dieses Bereichs nicht richtig nutzen können. Durch eigene Anstrengung und Konzeption allein bleibt diese Dimension dem Blick verschlossen und so auch das, was wie von außen in seinen Blick einzuwirken scheint und eigentlich in alle Aspekte seines Lebens übernommen werden sollte. Der Blick fordert Bereitschaft, sein Leben den neuen Erkenntnissen anzupassen und die Allee der Erkenntnis zu durchschreiten zu beginnen. Es wird ab nun schwieriger, dies in den Augen anderer als definierbar zu belassen, da nur die äußersten Ränder des Blicks, oder gar nur mehr der Spiegel selbst erkennbar bleiben und die lebenslang angesammelte Mediamystik zum Hindernis wird; die Politur des Spiegels ohne Standplatz ist unmöglich und nur ab und zu wird etwas aus der Mattheit reflektiert, da die so schwer konzipierte Freiheit mehr verschmiert als poliert. Wenn dann doch die Erkenntnis kommt, dass die ganze Forschung eine sehr winzige Freiheit war, ist das bereits ein Standplatz, und mit Kreide lässt sich dann der Spiegel des Herzens zu polieren beginnen, wenn auch nur an einer Stelle und der Einblick in die echte Kunst kann stattfinden, auch wenn dieser Blick noch nicht dauerhaft abgerufen werden kann. Hier beginnt die dritte Phase der echten Kunst, die aber nicht ohne Werkzeuge und Anleitung zu versuchen sinnvoll, ja schädlich ist; es bedarf des Rettungskomplett und es bedarf Führung. Nun kommt der Aufschrei: „Wie kann ich mich führen lassen, wo ich doch ein Individuum bin?“. Für den, der über diese Brücke schreitet, für den wird die Rückfindung zum erhaschten Lichtblick konkret und er stellt das eigene, so geehrte Individuum in die Ecke und blickt auf das offenbarte, was in der alten Kunst noch als biologischer Vorgang in der Ecke stand. Das Überlieferte, aus den Zeiten vor der alten Kunst, wird nun für den Blick in die polierten Stellen des Spiegels zum Licht, so dass es des Blicks Verpflichtung wird, genau dort, bei ständigem Polieren des Spiegels, nach dem Gold zu suchen. Die überlieferte Werkzeugkunde, welche die echte Politur ermöglicht, scheint im zerkratzten Spiegelblick als Rückschritt, wobei in der echten Kunst der mühsam konstruierte Freiheitsanspruch zum engen Grab wird. Wird nun die echte Kunst, welche die Werkzeugkunde ist, in die alte Freiheit wie ein Bach in das trockene Feld hineingeleitet, so erscheint dies - wie anfangs erwähnt - den Anhängern der alten Kunst als dem Inhalt nach nicht zusammenstimmend, da der Standplatz der echten Kunst noch unbekannt ist. Hier ist der Ausgangspunkt des Blick des Flüchtenden vor dem alles Beginnenden zur Flucht zum alles Endenden. In den Eingängen des basis.tunnel befindet sich jeweils ein polierter Metallspiegel, in dem der Gräber seinen Blick vielleicht zum letzten Mal erblicken kann. Schürfe im Tunnel nach dem richtigen Poliersand und erkenne dich selbst, so dass du weißt was du ahnst, was du zu tun hast; ein Taschenspiegel aus noch unpoliertem Metall ist im Gelegenheitskauf erhältlich.

 

Muhammad Müller    

Ramadaan 1425  (November 2004)


 

Rettungskomplett