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Islam gegen Rassismus

Yusuf Kuhn 16.01.2001  (amana-online.de viele aktuelle Berichte)

 

As-salamu alaikum!

Der Friede sei mit euch, liebe Brüder und Schwestern im Islam und in der Menschheit!

Ich wurde gebeten, hier über das Verhältnis von Islam und Rassismus zu sprechen. Ich habe etwas gezögert, bevor ich zusagte. Denn es ist nicht leicht, ein so komplexes Thema in so kurzer Zeit zu behandeln. Und leicht stellen sich dabei Missverständnisse ein, da das Meiste nur angedeutet und vieles andere nicht einmal erwähnt werden kann, obwohl es dies eigentlich verdiente. Es kann sich bei den folgenden Ausführungen also nicht um ein abgerundetes, geschweige denn halbwegs vollständiges Bild handeln, sondern gewissermassen nur um Schlaglichter, die ein paar Aspekte dieses Themas unter einer bestimmten Perspektive beleuchten. Ich bitte daher, dies beim Zuhören immer in Gedanken zu behalten.

Beginnen möchte ich mit einem Wort des Propheten des Islam, des letzten Propheten Muhammad, die uns mitten in unser Thema führen. Um diese Worte recht zu verstehen, sind allerdings ein paar einführende Bemerkungen über die Umstände angebracht, unter denen diese Worte fielen.

Der Prophet Muhammad lebte zu Beginn des 7. Jahrhunderts auf der arabischen Halbinsel, zunächst in Mekka und später in Medina. Hier empfing er über einen Zeitraum von 23 Jahren hinweg nach und nach die Offenbarungen Gottes, die uns noch heute in unveränderter Form im Koran gesammelt vorliegen.

Gegen Ende seines Lebens unternahm der Prophet Muhammad zusammen mit einer großen muslimischen Gemeinschaft aus Medina eine Pilgerfahrt nach Mekka. Die Muslime nennen die Pilgerfahrt auf Arabisch "HHhadsch". Die HHhadsch gehört wie das fünfmal täglich zu verrichtende Gebet zur Pflicht eines jeden Muslim und einer jeden Muslimin, freilich nur einmal im Leben.

Zum Zeitpunkt der Pilgerfahrt, die einmal im Jahr in einem bestimmten Monat stattfindet, treffen sich also Muslime - Männer, Frauen und Kinder - aus der ganzen Welt an einem Ort, nämlich in Mekka. Heutzutage sind es alljährlich weit über eine Million Menschen aus allen Regionen, Kulturen und Gesellschaften der Welt, um sich an diesem Ort als eine Gemeinschaft zusammenzufinden, ihre Unterschiede, die sie sonst trennen mögen, hinter sich zu lassen und als Brüder und Schwestern wie eine Familie vor ihrem Schöpfer zu stehen, dem einen und einzigen Gott, der alle Menschen geschaffen hat.

Zu Lebzeiten des Propheten Muhammad waren es nicht eine Million gläubige Menschen, aber immerhin bereits mehrere Tausend. Vor dieser Pilgergemeinde hielt der Prophet Muhammad eine Ansprache. Dies geschah im Jahre 632. Und damit wären wir bei dem angekündigten Wort. Der Prophet sprach zum Abschluss seiner Rede folgende Worte:

"O ihr Menschen! Euer Herr und Erhalter ist Einer, und euer Urahn ist einer. Ihr alle stammt von Adam ab, und Adam wurde aus Erde erschaffen. Und daher gibt es keine Überlegenheit von einem Araber über einen Nicht-Araber oder von einem Nicht-Araber über einen Araber, und auch nicht von einem weißen über einen Schwarzen oder von einem Schwarzen über einen weißen. - Der einzige Unterschied in der Stellung wird durch das Gottesbewusstsein bestimmt. Denn der Ehrwürdigste von euch ist derjenige mit dem tiefsten Gottesbewusstsein..."

Das waren die Worte des Propheten vor einer Gemeinschaft von Muslimen, die schon damals - wie man heute vielleicht sagen würde - multiethnisch und multikulturell war. Neben den verschiedenen arabischen Stämmen, die sich vordem bekriegt hatten und nun durch den Glauben geeint waren, gehörten von Beginn an zu dieser Gemeinschaft auch beispielsweise Perser, Griechen und Afrikaner.

Die Worte, die diese Menschen aus dem Munde des Propheten vernahmen, waren gewissermassen eine Interpretation der Worte Gottes. Denn Gott selbst hatte diese Botschaft an die Menschen herabgesandt. So heisst es im Koran in der 49. Sure (also im 49. Kapitel), Vers 13:

"O ihr Menschen! Wir erschufen euch aus Mann und Frau und machten euch zu Völkern und Stämmen, damit ihr einander kennenlernt. Doch der von Gott am meisten Geehrte von euch ist der Gottesfürchtigste unter euch. Gott ist fürwahr wissend, kundig." (Koran 49:13)

"O ihr Menschen!" - Diese Worte Gottes sind nicht nur an Muslime, sondern an alle Menschen gerichtet. Muslime bilden eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern, aber diese ist zugleich Teil der größeren Gemeinschaft aller Menschen.

Denn alle Menschen sind aus Mann und Frau gleich als Menschen erschaffen. Ihrem Wesen nach sind daher alle Menschen gleich. Und das sollte eigentlich schon die erste Grundlage bilden für eine geschwisterliche Begegnung zwischen uns Menschen. schließlich gehören wir alle zur gleichen Familie der Menschheit. So einfach diese Worte in manchen Ohren klingen mögen, so schwierig ist es, sie in die Tat umzusetzen, und so wichtig ist es, diese immer wieder zu betonen. Denn zwischen Menschen sind gerade solche einfachen Wahrheiten, die manches Mal mit einem blossen Achselzucken abgetan werden, von größter Bedeutung.

Wer seinem Mitmenschen in diesem Licht begegnet, wird erkennen, dass die Unterschiede in unserem Aussehen, unserer Sprache oder unseren Sitten und Gebräuchen von Gott geschaffen sind, der uns eben zu verschiedenen Völkern und Gesellschaften gemacht hat. Und warum? "Damit wir einander kennenlernen!", wird uns gesagt. Können wir diese Worte begreifen und umsetzen?

Ethnische, sprachliche und kulturelle Unterschiede sind also nichts Schlechtes, sondern ganz natürlich. Und sie dürfen nicht dazu missbraucht werden, völkische Überlegenheit, Nationalismus oder Rassismus zu rechtfertigen. Sie sollten vielmehr als Brücke zwischen den Menschen dienen, damit sie einander kennenlernen.

An einer anderen Stelle im Koran, an der einige Zeichen Gottes für die Menschen angeführt werden, heisst es dazu:

"Zu Seinen Zeichen [also den Zeichen Gottes für die Menschen] gehört, dass Er euch aus Erde erschaffen hat. Dann wurdet ihr Menschen, die sich verbreiten." (Koran 30:20)

Und einen Vers weiter:

"Zu Seinen Zeichen gehört die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenartigkeit eurer Sprachen und eurer (Haut-) Farben. Darin sind fürwahr Zeichen für die Wissenden." (Koran 30:22)

Darin liegt eine große Lehre für die Menschen. Ihre Unterschiede dürfen nicht länger Anlass sein, sich in Hochmut oder falschem Stolz zu ergehen. Hier darf eine Einstellung keinen Platz haben, die besagt: "Unsere Gruppe ist besser als eure". Damit muss Schluss sein.

Aber es gibt viele Menschen, die andere nach diesen Kategorien beurteilen, in höher- und minderwertig klassifizieren und daraus eine Rechtfertigung ableiten, anderen Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt anzutun. Der Rassismus ist eine der hauptsächlichen Quellen für unsägliches Leid, ja sogar eine große Gefahr für die Zukunft der Menschheit.

Vor Gott jedoch verleihen Sprache, Kultur oder Hautfarbe einem Menschen keinen besonderen Wert. Noch einmal die Worte aus dem Koran:

"Doch der von Gott am meisten Geehrte von euch ist der Gottesfürchtigste unter euch. Gott ist fürwahr wissend, kundig." (Koran 49:13)

Als Massstab der Bewertung jedes einzelnen Menschen - und nicht einer Gruppe - dient hier einzig das Gottesbewusstsein jedes einzelnen, das von schlechten Taten fern- und zu guten Taten anhält.

Dieses Kriterium - das Gottesbewusstsein - entzieht sich zudem dem menschlichen Urteil. Auch wenn es sich in Handlungen manifestiert, so ist die wahre Absicht doch im Herzen verborgen. Und die Herzen kennt Gott allein. In diesem Sinne beurteile oder bewerte also kein Mensch den anderen!

Für die Unterdrückten und Geknechteten erscheint der Islam daher als eine befreiende Botschaft. Denn er sagt zu ihnen:

"Alle Menschen sind gleich, besitzen den gleichen Wert, die selbe Würde als Menschen. Ihr seid nicht minderwertig, weil ihr vielleicht eine schwarze Hautfarbe habt. Wenn ihr unterdrückt und ausgebeutet werdet, dann geschieht euch Unrecht!"

Diese Erfahrung lässt sich beispielsweise in der Lebensbeschreibung von Malcolm X nachlesen. Sie wird darin sehr eindrucksvoll geschildert. Der Kinofilm dazu, der vielleicht noch bekannter ist als das Buch, gibt das nur begrenzt wieder.

Der Islam verleiht jedem Menschen als Geschöpf Gottes, das Gott aus Erde erschaffen und von Seinem Geist eingehaucht hat, eine unantastbare Würde. Würde im vollen Sinne gibt es aber nur in Gerechtigkeit. Im Schutz der Würde liegt daher zugleich der Aufruf, gerechte Verhältnisse zu schaffen. Unrecht und Ungerechtigkeit entsprechen nicht dem Willen Gottes, dem zu folgen sich alle Gläubigen verpflichten. Die Islamische Glaubensbezeugung, die in ihrem ersten Teil lautet: "Es gibt keinen Gott außer Gott" - außer Allah , dem einen und einzigen Gott -, und durch deren aufrichtiges und bewusstes Aussprechen übrigens ein Mensch zum Muslim wird, schliesst daher zugleich auch die Verpflichtung zum tatkräftigen Einsatz für die Gerechtigkeit ein. Denn Gott gebietet Gerechtigkeit. Im Koran heisst es:

"Gott gebietet Gerechtigkeit zu üben und Gutes zu tun." (Koran 16:90)

Die Verbindung der starken Botschaft der Gleichwertigkeit der Menschen mit der Aufforderung, Gerechtigkeit herzustellen, hat dazu geführt, dass die Botschaft des Islam in den jeweiligen Gesellschaften sehr unterschiedlich aufgenommen wurde. Herrscher und Mächtige, deren soziale Stellung und Reichtum von der Aufrechterhaltung der ungerechten Zustände abhing, sahen in ihr oftmals eine Bedrohung, wohingegen die Elenden, Unterdrückten und Geknechteten im Islam eine Botschaft der sozialen und geistigen Befreiung erkannten.

Natürlich setzten die sich in ihrer Machtstellung bedroht fühlenden Herren alles daran, den wahren Inhalt dieser Botschaft vor den Augen ihrer Untertanen, die ja von dem befreienden Ruf angesteckt werden könnten, zu verschleiern und zu verzerren. Und immer wieder kam es auch vor - und zwar bis heute -, dass der Islam selbst entstellt und in den Dienst der Rechtfertigung einer ungerechten Herrschaft gestellt wurde.

Die Geschichte des Islam ist von diesem Spannungsverhältnis zutiefst geprägt. Auch wenn heute die westlichen Medien nichts unversucht lassen, das Bild des Islam bis zur Unkenntlichkeit zu verstümmeln, erkennen doch beispielsweise immer mehr Afro-Amerikaner, also Amerikaner afrikanischer Herkunft, die in der us-amerikanischen Gesellschaft in vielfältiger Weise rassistischer Unterdrückung ausgesetzt sind, im Islam das Versprechen auf Befreiung. Malcolm X als den berühmtesten habe ich schon erwähnt. Auch in Afrika findet der Islam besonders starken Zuspruch, ist Afrika doch zweifellos der Kontinent, auf dem die Menschen von der Globalisierung genannten Ausbeutungsmaschinerie am meisten geschunden und in ihrer Würde am tiefsten verletzt werden.

Dass dies einen Wesenszug des Islam bildet, zeigte sich auch schon zu Beginn des Prophetentums von Muhammad in Mekka. Viele der reichen Einwohner dieser Stadt, die der egalitären Botschaft des Islam feindlich gesonnen waren, hielten Sklaven, von denen manche allerdings den Ruf vernahmen und sich zum Islam bekehrten. Wenn alle Mittel der Täuschung und Verdrehung versagten, griffen die Sklavenhalter zur nackten Gewalt, um ihr menschliches Eigentum von dem neuen Glauben abzubringen.

So widerfuhr es einem afrikanischen Sklaven namens Bilal. Er stammte aus Abessinien, dem heutigen Äthiopien. Dass er zu einem überzeugten Gläubigen geworden war, war für seinen Herrn Anlass genug, ihn in der mittäglichen Gluthitze Mekkas auf einen offenen Platz zu treiben. Dort warf dieser Bilal auf die sonnenheisse Erde und presste ihn mit einem großen Stein auf seiner Brust zu Boden. Er wollte ihn so lange in seinen Folterqualen liegen lassen, bis er entweder sein Leben verlor oder seinem Glauben abschwor. Doch der gläubige Afrikaner weigerte sich, dies zu tun, und blieb standhaft.

Als einer der engsten Vertrauten des Propheten Muhammad, nämlich Abu Bakr, vorbeikam und sah, wie Bilal gequält wurde, war er entsetzt und sorgte für dessen Freilassung. Bilal, der ehemalige afrikanische Sklave, wurde so zu einem der Gefährten des Propheten und, da er eine schöne und kräftige Stimme besass, zum ersten Gebetsrufer des Islam.

Auch hier zeigt sich beispielhaft, dass der Islam eine egalitäre, befreiende und universelle Botschaft ist. Sie ist egalitär, weil sie die Gleichheit aller Menschen verkündet. Sie ist befreiend, weil sie dem Prinzip der Gerechtigkeit folgend allen Verhältnissen, in denen der Mensch ein geknechtetes, unterdrücktes und ausgebeutetes Wesen ist, den Kampf ansagt. Und sie ist universell, weil sie sich unterschiedslos an alle Menschen richtet. Diese Botschaft war die treibende Kraft bei der raschen Ausbreitung des Islam - und nicht "Feuer und Schwer", wie immer wieder irreführend behauptet wird.

So breitete sich der Islam in wenigen Jahren von der arabischen Halbinsel bis zum Atlantik im Westen und dem Chinesischen Meer im Osten aus, von Marokko und Spanien bis nach Indien und China. Dabei traten die Muslime nicht - wie später die Europäer - als erobernde Kolonialherren auf. Sie erschienen vielmehr in den Augen der unterdrückten sozialen und religiösen Gruppen als Befreier, denen sie die Tore öffneten. Wie sonst sollte die überaus rasche Ausbreitung des Islam erklärbar sein? Immer mehr Historiker erkennen, dass dies die einzige Erklärung für ein Phänomen ist, das sonst ein unerklärliches "Wunder" bleiben müsste.

Der Islam kam bei diesem Prozess mit einer Vielzahl verschiedenartiger Kulturen und Gesellschaften in Berührung. Da er diesen nicht mit einem religiösen oder zivilisatorischen Missionierungseifer begegnete, sondern mit der Achtung vor der gottgewollten Verschiedenartigkeit kam es zu originellen und harmonischen Verschmelzungen der universellen Botschaft des Islam mit den jeweiligen Kulturen. Der Islam blieb sich in seinem Wesen treu, legte aber verschiedene kulturelle Gewänder an: Einheit in der Vielfalt.

Einheit und Vielfalt in der weiten muslimischen Welt - bis heute - sind Ergebnis und Ausdruck dieses lebendigen Prozesses. Dass dies geschehen konnte, ist kein Zufall, sondern liegt vielmehr in der Natur des Islam selbst begründet. Denn er ist als universelle Botschaft eben nicht auf eine Kultur oder Gesellschaft beschränkt, sondern für alle Menschen in allen Kulturen und Gesellschaften gleichermassen gültig und lebbar.

Der Grund dafür lässt sich an einer allgemeinen Regel des Islamischen Rechts verdeutlichen. Diese Regel besagt: Alles ist erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist. Dahinter steht die Islamische Vorstellung, dass die Welt von Gott zum Wohle des Menschen erschaffen wurde, die Welt an sich also gut ist. Daraus leitet sich ein äusserst dynamisches Prinzip ab. Die Muslime treten der Welt daher mit "offenen Armen" entgegen. Damit konnte sich der Islam alles anverwandeln, was ihm in gleich welcher Kultur - von der arabischen über die afrikanische, indische und chinesische bis hin zur europäischen Kultur - begegnete, solange dies freilich nicht bestimmten religiösen und ethischen Geboten widersprach. Das wichtigste ethische Prinzip, das der Gerechtigkeit, haben wir bereits erwähnt. Dadurch eröffnete sich ein riesiger Horizont des Möglichen und Erlaubten, aus dem die wunderbaren Blüten vielfältiger wechselseitiger Befruchtungen der Kulturen in allen Bereichen des menschlichen Lebens hervorsprossen.

Eine dieser hybriden, vielfältig befruchteten Pflanzen gedieh auch auf europäischem Boden, in Spanien zwischen 711 und 1492, also immerhin mehr als 700 Jahre lang. Das Islamische Spanien erlebte eine ungeheuer fruchtbare Verbindung asiatischer, afrikanischer und europäischer Kulturen. Philosophie, Universitäten, Rationalität und Humanismus bezeichnen stichwortartig nur einige der kulturellen Einflüsse, die für die spätere Entwicklung Europas so entscheidend werden sollten.

Neben diesem kulturellen Pluralismus entfalteten sich zugleich auch die verschiedenen Religionen. Da sie nach Islamischem Verständnis aus der gleichen Wurzel stammten, nämlich aus den im Laufe der Geschichte wiederkehrenden Offenbarungen des einen und einzigen Gottes, genossen die anderen Religionen in den Augen der Muslime mehr als blosse Toleranz: nämlich Anerkennung. In Spanien galt dies ganz besonders für die beiden Buchreligionen Judentum und Christentum. Deren Propheten wie Moses und Jesus werden auch im Islam als Propheten anerkannt, und ihre Bücher gehen nach Islamischer Lehre auf authentische Offenbarungen zurück.

Daher wurden Kirchen und Synagogen unter Schutz gestellt. Juden wie Christen konnten unter diesen Bedingungen ein reiches religiöses, kulturelles und geistiges Leben entfalten. Sie konnten in aller Regel ihre Angelegenheiten nach ihren eigenen Vorstellungen und Gesetzen in grösstmöglicher Autonomie verwalten.

Kultureller Pluralismus und religiöse Vielfalt gedeihen zusammen am besten, ja ergänzen und bedingen sich gegenseitig. Diese Freiheit hatte es vor der Islamischen Zeit in Spanien, eigentlich im ganzen Mittelmeerraum und Europa nicht gegeben. Das Römische Reich und die Katholische Kirche hatten Völker und religiöse Gruppen erbarmungslos verfolgt und unterdrückt. schließlich wurde auch die gar nicht so junge Blüte des Islamischen Spanien unter den Stiefeln der aus dem Norden einfallenden Eroberer zertrampelt. Juden und Muslime wurden aus Spanien vertrieben, zwangskonvertiert oder einfach vernichtet. Die Sieger nannten dies "Reconquista" - Wiedereroberung -, so als könnte die jahrhundertelange Islamische Geschichte Spaniens einfach ausgelöscht werden.

Die sogenannte Reconquista fand parallel zu den Kreuzzügen statt, ja lässt sich als deren "Westfront" begreifen. Mit den Kreuzzügen wurde vor tausend Jahren der Prozess eingeleitet, in dem Europa in einem explosiven Moment seiner Geschichte zu sich selbst fand und zugleich ausgriff, um in gigantischer Überheblichkeit den "Rest der Welt" zu erobern oder zu vernichten. Hier, in dieser Konfrontation mit der Islamischen Welt liegen die Wurzeln des tausendschährigen Kolonialunternehmens Europas und die Ursprünge des europäischen Rassismus.

Wenn heute in Deutschland oder sonstwo in Europa eine Synagoge von "Rechtsradikalen" in Brand gesteckt oder ein muslimischer Flüchtling in irgendeinem brandenburgischen Dorf von einer Horde Jugendlicher zu Tode gehetzt oder vom Innenminister in den Tod abgeschoben wird, dann befällt hoffentlich nicht nur Juden und Muslime die grauenvolle Last dieser tausendschährigen Erinnerung. Das ist das Vermächtnis Europas an seine Opfer.

Aber das ist nicht das einzige Vermächtnis Europas. Neben dem Kältestrom von Rassismus und Nationalismus, der im 20. Jahrhundert auch Europa selbst verwüstet und unsägliches Leid verbreitet hat, gibt es den Wärmestrom eines echten Humanismus, der dem Anspruch der Menschenwürde gerecht zu werden versucht. Für den großen Wärmestrom der humanisierenden Kraft in der europäischen Zivilisation kann und darf nicht eine einzige Tradition exklusives Besitzrecht erheben. - An diesem Erbe haben neben dem aufklärerischen und säkularistischen Rationalismus auch Judentum, Christentum und - der wohl am stärksten verdrängte Quell der europäischen Zivilisation - der Islam teil, wie freilich auch die chinesische, indische, arabische und afrikanische Kultur. Die Anerkennung dieser Tatsache könnte einen wichtigen Schritt auf dem Weg der ausstehenden Entwicklung eines kulturellen und religiösen Pluralismus auf europäischem Boden sein. Vor dieser Aufgabe stehen wir heute.

Die deutsche Gesellschaft ist sich der Tatsache, dass verschiedene Kulturen und Religionen in ihrem Innern anwesend sind, erst jüngst bewusst geworden. Die Debatte über den Umgang mit dieser Realität wird zumindest teilweise mit sehr scharfen Tönen und auch nicht ausbleibenden Handgreiflichkeiten geführt.

Hier ist es Aufgabe und Verantwortung all derer, die sich den Prinzipien der Gerechtigkeit und Menschenwürde verpflichtet wissen - seien es Juden, Christen, Muslime oder Humanisten -, klar und deutlich Stellung zu beziehen. Mal getrennt, jeder auf seine Weise, mal gemeinsam - aber immer in dem Bewusstsein, gemeinsam an der großen Aufgabe mitzuwirken, dem Wärmestrom in der europäischen Geschichte zum Durchbruch zu verhelfen.

Wir alle leben in und mit dieser Geschichte. Wir müssen ihr ins Auge sehen, damit wir ihr eine neue Wendung geben können. Zuschauen und Schweigen ist Mittäterschaft. Das ist unsere Verantwortung als Menschen, die Gewissen und Moral noch nicht an den Nagel von Profit und Macht gehängt haben und im Anderen noch einen Menschen mit der ihm eigenen Würde erkennen können - und nicht bloss eine lästige Zecke, die wir beiläufig zerquetschen, was immer mehr zur Normalität zu werden droht. Wir müssen uns fragen lassen, ob wir die vergangenen tausend Jahre mit all ihrem Leid und Grauen noch einmal leben und sterben lassen wollen.

 

"Dieser Kreuzzug wird eine Weile dauern"

Wie sehr dies auch im globalen Massstab gilt, bewiesen - hätte es noch eines weiteren Beweises bedurft - die schrecklichen Anschläge in den USA und die Reaktionen darauf.

Zunächst einmal sei klargestellt: Die Attentate in den USA sind aufs Schärfste zu verurteilen. Alle Menschen, die auch nur einen Funken Menschlichkeit und Mitgefühl in sich tragen, waren über den Tod tausender unschuldiger Menschen aus allen Kontinenten und Religionen erschüttert und entsetzt. Und gewiss kann keine wohlverstandene Religion dazu dienen, ein solches Morden zu rechtfertigen.

Im Islam heisst es ganz ausdrücklich, im Koran in Sure 5, Vers 32:

"Wer einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen oder Unheil im Lande angerichtet hat, soll wie einer sein, der die ganze Menschheit ermordet hat. Und wer ein Leben erhält, soll sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten." (Koran 5:32)

Hier wird der Wert des Menschenlebens - des Lebens eines jeden Menschen gleich welcher Herkunft, Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit - mit aller Deutlichkeit unterstrichen. Im Lichte dieses Verständnisses von Menschenwürde und dem Wert menschlichen Lebens müssen wir die Attentate in den USA eindeutig als "Verbrechen gegen die Menschheit" brandmarken. Und die Täter müssen ausfindig gemacht, vor Gericht gestellt und verurteilt werden, so dass sie, nachdem ihre Schuld bewiesen ist, ihre gerechte Strafe ereilt.

Bis heute fehlen eindeutige Beweise. Doch schon unmittelbar nach den Anschlägen standen die "üblichen Schuldigen" fest. Alle Finger zeigten auf die Muslime und den Islam. Die rechtsstaatlich gebotene Unschuldsvermutung wurde eilends außer Kraft gesetzt. Schuld war nicht, wem die Schuld nachgewiesen werden konnte, sondern wer schon immer dafür galt. Das Feindbild stand bereit, es musste nur abgerufen werden. Vor nicht allzu langer Zeit wären es die Kommunisten gewesen. Aber nach dem Zerfall der Sowjetunion geht es heute nicht mehr gegen die "rote", sondern gegen die "grüne Gefahr".

Und in dieser "grünen Gefahr" verkörpere sich das Böse schlechthin. Der amerikanische Präsident George W. Bush rief sogleich zum "Krieg gegen das Böse" auf. Die Terroristen hätten die "zivilisierte Welt" ins Visier genommen, um deren Werte von Freiheit und Demokratie zu bekämpfen. Der deutsche Bundeskanzler gab die Parole vom "Krieg gegen die gesamte zivilisierte Welt" aus. Und auf einen Schlag drehte sich der gesamte politische Diskurs mit unglaublicher und erschreckender Selbstverständlichkeit um die Achse "Zivilisation versus Barbarei".

Die Bild-Zeitung titelte "Terror-Bestien" - das waren Bestien, keine Menschen. Und in endlosen Wiederholungen wurden uns allen die Gesichtszüge dieser Barbaren ins Hirn gebrannt: Araber, Muslime, Dunkelhäutige... Jeder konnte nun einer dieser Bestien sein. Alle, die diesem brutalen Raster aus der Mottenkiste des primitivsten Rassismus vermeintlich entsprachen, gerieten in den Verdacht, sich in jedem Augenblick in menschliche Zeitbomben verwandeln zu können. Der Begriff des "Schläfers" machte die Runde.

Und das alte Stichwort, das fallen musste, kam Mister Bush über die Lippen: Der Krieg gegen das Böse sei ein Kreuzzug. Er sprach: "Dieser Kreuzzug wird eine Weile dauern. Wir werden die Welt von den Übeltätern befreien."

Dazu schreibt Tom Schimmeck in einem Artikel der Wochenzeitung "Die Woche" vom 21.09.01:
"Das Böse stand noch im Schatten. Und hatte doch längst ein Gesicht: Es trug einen langen Bart, ein Hütchen auf dem Kopf, ein weites Gewand. Es schreit gern, hält schrille Parolen in unlesbaren Schriftzeichen hoch und ballt dazu die Faust. Es ist Klischee plus Grauen: der Islamistische Krieger, die 'Terror-Bestie', die den Krummsäbel gegen Flugzeuge eingetauscht hat."

Und er erinnert daran, dass es sich nicht um ein neues Feindbild handelt, sondern um das älteste, das Europa kennt. Denn das Feindbild des Islam und der Muslime stand an der Wiege des erwachenden europäischen Selbstbewusstseins: keine europäische Identität ohne anti-Islamischen Rassismus, so bitter ist die Wahrheit.

Tom Schimmeck fasst diesen Gedanken in folgende Worte:
"Der Westen wütet. Der Schrecken war heftig genug, seine Urangst zu erwecken. Sein Bodensatz wird aufgewühlt. Und plötzlich sieht er den Muslim wieder, überall, von Nigeria bis Indonesien. Will er uns, der freien, zivilisierten Welt, an die Gurgel? Sei doch kein Muselmann, der das nicht lassen kann...
Der Blick geht 1000 Jahre zurück: Die erste Tat des Westens war ein heiliger Krieg. Er stand an seiner Wiege, ist sein Kindheitsmuster."

Diese Urangst, einmal erweckt, rief sogleich die heftigsten Reaktionen hervor. Wer damit spielt, muss wissen, welche Taten auf solche Worte folgen. Heute wie damals richtet sich die blindwütige Gewalt zunächst gegen "das Böse im Innern". Im Europa zu Beginn des zweiten Millenniums traf es zuerst die Juden, sie wurden zu Tausenden massakriert. Im Westen zu Beginn des dritten Millenniums trifft es zuerst die im Westen lebenden Muslime und alle, die der rassistische Wahn mit ihnen in einen Sack steckt. So wurden in den USA in einem ersten Ausbruch des Hasses nicht nur Muslime ermordet, sondern auch ein Sikh.

Hören wir noch einmal Tom Schimmeck:
"Da vermischt sich die neue Angst mit der alten zu einem schier unerträglichen Gebräu. Schon fliegen Molotow-Cocktails gegen Moscheen, Steine gegen muslimische Schulkinder, füllen sich Postkästen und Anrufbeantworter Islamischer Einrichtungen mit Hasstiraden. ‚Ich bin stolz, Amerikaner zu sein', ruft einer, der gegen eine Moschee in Chicago loszieht, ‚und ich hasse Araber.'"

Welche Zerstörungsgewalt werden diese Wellen des Hasses annehmen, wenn sie schließlich nach aussen branden? Das Massaker an den europäischen Juden zu Beginn des vergangenen Jahrtausends war ja auch nur das Vorspiel, für einen sehr viel gewaltsameren und langwierigeren Krieg. Denn auch am Ziel angekommen schlachteten die Kreuzfahrer Muslime wie Juden massenhaft dahin.

Und richtig besehen, hat dieser Krieg eigentlich nie geendet. Als sich Westeuropa aus dem Blutbad der Kreuzzüge und der Reconquista erhob, griff es sogleich nach Amerika, Afrika und Asien aus, um Reichtümer anzuhäufen und den Rest der Menschheit zu unterwerfen, zu missionieren, zu versklaven und notfalls zu erschlagen. Von den Einwohnern Amerikas, die man irrtümlich Indianer nannte, liess man nur einzelne Exemplare am Leben, und sperrte sie in Reservate oder ethnologische Museen. Für den Westen bestand der "Rest der Menschheit" bestenfalls aus Untermenschen, wenn nicht schlicht aus Bestien.

Diese Menschenverachtung, diese ungeheuerliche Gewalt, dieser Hass zeugten wiederum Hass und Gewalt. Das 20. Jahrhundert, das wohl grauenvollste Jahrhundert in der Geschichte der Menschheit, bezeugt dies mit seinen Kriegen überall auf der Welt, auch in Europa selbst, das von verheerenden Kriegen fast vollständig zerstört wurde. Gewalt nach aussen und Gewalt nach innen mit ihrer selbstzerstörerischen Kraft bedingen sich gegenseitig, lassen sich nicht voneinander trennen.

Und so lässt sich auch, wenn wir nach den Ursachen der jüngsten Gewalt in den USA fragen, vor diesem Hintergrund keine eindeutige Antwort geben. Zunächst sei nochmals klargestellt: Es kann sich niemals um eine Rechtfertigung handeln, die Anschläge sind durch nichts zu rechtfertigen. Aber wenn wir nicht nach den Ursachen fragen, um eine Erklärung geben zu können, werden wir auch der darin liegenden Gefahr nicht Einhalt gebieten können. Die europäische Urangst gegen den Islam und der älteste Hass sind gewiss schlechte Ratgeber und liegen zudem womöglich selbst am Grunde des Problems. Wir müssen jetzt besonnen die Ursachen untersuchen und nach Abhilfe suchen. Nur so können wir dem von vielen beschworenen 3. Weltkrieg wehren, der die ganze Menschheit, uns alle, in den tiefsten Abgrund zu reissen droht.

Wenn man die Lage unvoreingenommen betrachtet, lässt sich nicht ohne weiteres sagen, ob die Gewalt von innen, d.h. als selbstzerstörerische Kraft, oder von aussen kommt. Obwohl geradezu eine mediale Lawine von echten oder scheinbaren Indizien über uns hereinbricht, muss es doch, solange keine stichhaltigen Beweise vorliegen, erlaubt sein, wenigstens Zweifel anzumelden. Ist wirklich in alle Richtungen ermittelt worden oder hat man sich verblenden lassen?

Gibt es nicht auch eine große Angst davor, überhaupt in Betracht zu ziehen, dass die Gewalt von innen kommen könnte? Wäre das nicht noch schlimmer? Wie beim Bombenattentat in Oklahama: auch da wurden zuerst die "üblichen Muslime" verdächtigt - und schließlich wurde der Schuldige als weißer, christlicher Amerikaner aus dem Umfeld rechtsradikaler Milizen identifiziert. Kenner dieser Szene sagen, dass sie diesen Kreisen derartige Anschläge durchaus zutrauen. In der Öffentlichkeit werden auch noch weitere mögliche Urheber gehandelt: von ehemaligen KGB-Agenten über den israelischen Geheimdienst Mossad bis hin zu der Vermutung, es könne sich um faschistische Kräfte in Verbindung mit Teilen des militärisch-industriellen Komplexes in den USA handeln.

Also es gibt durchaus berechtigte Zweifel, und noch keine stichhaltigen Beweise. Aber eines ist zweifelsfrei gewiss: die Unschuld des afghanischen Volkes. Es soll für etwas bezahlen, das es nicht begangen hat. Ohne die Unterstützung Pakistans, Saudi-Arbiens und vor allem der USA gäbe es die Taliban nicht - und übrigens auch Ben Laden nicht, der ja erst durch die amerikanische Unterstützung im Krieg gegen die Sowjetunion groß wurde.

Das afghanische Volk hat über 20 Jahre Krieg hinter sich, ist ausgehungert und völlig mittellos. Mittlerweile sind Millionen von Menschen bereits auf der Flucht. Ein Militärschlag gegen unschuldige Zivilisten kann nur in eine gigantische humanitäre Katastrophe münden, die niemand wollen kann. Oder wird das Leben von Menschen doch mit zweierlei Mass gemessen, wie viele befürchten?

Das darf nicht sein. Wenn wir die Attentate in den USA als Verbrechen gegen die Menschheit bezeichnen und unsere tiefste Anteilnahme für die Opfer und Hinterbliebenen zum Ausdruck bringen, ist doch zugleich die Solidarität mit allen Opfern brutaler Gewalt geboten, und zwar aufgrund des universellen Prinzips der Menschenwürde. Da dürfen uns die Opfer in den USA nicht mehr und nicht weniger wert sein als die zu befürchtenden Opfer drohender amerikanischer Militärschläge in Afghanistan und andernorts, wie auch die Opfer vergangener Konflikte und Kriege, seien es die Tausenden Opfer der israelischen Besatzung in Palästina und in den palästinensischen Flüchtlingslagern, seien es die Opfer der grauenvollen Massaker in Ruanda oder Algerien - oder seien es die Opfer des nicht enden wollenden Krieges gegen den Irak, der von den westlichen Medien fast unbemerkt in den letzten zehn Jahren mehr als eine Million Menschenleben, Daarunter allein 500 000 Kinder, gefordert hat.

Und auch an die ganz unspektakulären Opfer eines stillen und zugleich massenhaften Sterbens sei erinnert. Im kürzlich erschienenen Unicef-Jahresbericht zur Situation der Kinder in der Welt 2001 wird festgestellt, dass jeden Tag 30 000 Kinder unter 5 Jahren an Hunger, Gewalt, Aids und Kriegen sterben. 30 000 Kinder unter 5 Jahren sterben jeden Tag, das sind jedes Jahr fast elf Millionen Kinder.

Müssen wir uns angesichts dieser grauenvollen, aber alltäglichen Realität wundern, wenn dem Westen vom "Rest der Welt" Doppelzüngigkeit, Doppelstandards und Heuchelei vorgeworfen wird? Kann es ein Menschenleben geben, das wertvoller ist als ein anderes - bloss weil es vielleicht eine andere Hautfarbe, Kultur oder Religion trägt? Wir gedenken der Opfer der Anschläge in den USA. Aber wie zeigen wir den Opfern in Asien, Afrika und Südamerika, dass wir uns der sinnlosen Logik dieses Krieges widersetzen? Wie können wir deutlich machen, dass für uns das Leben eines unschuldigen Amerikaners genauso wertvoll ist wie das Leben eines unschuldigen Ruanders, Palästinensers, Irakers oder Afghanen?

Und müssen wir nicht auch lernen, unseren Blick zu erweitern? Können wir es uns erlauben, die Welt weiterhin mit unserer eurozentrischen Brille zu betrachten? Nehmen wir sie ab! Dann werden wir erkennen, dass die Jahrzehnte des Friedens, die hinter uns liegen, aus der Sicht der meisten Menschen auf der Welt in Wirklichkeit eine lange Epoche des Krieges war. Dem müssen wir ins Auge sehen, wenn wir die Ursachen für uns überraschend und unerklärlich erscheinende Gewaltausbrüche erkennen wollen. Die Pax Americana ist erschüttert worden, der Krieg hat Amerika selbst heimgesucht, oder wie der amerikanische Intellektuelle Noam Chomsky sagt: "Die Kanonen haben sich gedreht!".

Für den Süden war die Pax Americana eh immer gleichbedeutend mit einem namenlosen Krieg, der täglich Tausende tötet. In der deutschen und auch in der europäischen Öffentlichkeit sind nach dem ersten Schock die Stimmen immer lauter geworden, die besonnen und rational nach einer Erklärung suchen, statt in die Kreuzzugsfanfaren mit einzustimmen. Es gibt guten Grund für die Hoffnung, dass sich nur ganz wenige vom beschwörenden Geschrei des "Zusammenpralles der Zivilisationen" mitreissen lassen.

Der Vorstellung, dass die westliche Welt mit ihrem Wertesystem in totalem Gegensatz zu einer "Islamischen Welt" stehe und daher mit dieser zusammenprallen müsse, was die bekannten gewaltsamen Verwerfungen nach sich ziehe, ist weithin recht schnell eine Absage erteilt worden. Man darf eine Zivilisation, ihre Geschichte und ihre über 1 Milliarde Anhänger nicht wegen des Verhaltens einer winzigen Minderheit verurteilen. Die Mehrheit der Muslime, die unter der Herrschaft diktatorischer Regimes leiden, die vom Westen unterstützt werden, schätzen die Werte der Demokratie, der Freiheit und der Menschenwürde sehr hoch und kämpfen dafür, dass sie in ihrer Gesellschaft geachtet und umgesetzt werden.

Auch in den westlichen Gesellschaften hätte die Stigmatisierung und Verteufelung des Islam und der Muslime fatale Folgen. Sie zöge tiefe Risse nach sich. Bundespräsident Johannes Rau warnte eindringlich: "Wir dürfen uns von niemandem dazu verleiten lassen, ganze Religionen oder ganze Völker oder ganze Kulturen als schuldig zu verdammen."

Schlimm wäre es, wenn die schrecklichen Ereignisse uns vergessen ließen, welche positive Entwicklung in Europa stattfindet. Viele muslimische Bürger leben hier und stellen durch ihre Beteiligung am sozialen Leben eine echte Bereicherung dar. Diese Errungenschaften müssen bewahrt werden. Die Formen konstruktiver Zusammenarbeit und des Austausches zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen darf Daarunter nicht leiden, ja muss ausgeweitet werden, um der Ächtung und des Ausschlusses eines ganzen Teiles der Bevölkerung entgegenzuwirken.

Nur so können wir gemeinsam, den Gefahren einer grassierenden Kriegslogik mit ihren Folgen auch auf dem Gebiet der Innenpolitik entgegenwirken. Die Beschneidung demokratischer Rechte, die Ausweitung der Überwachung und die Beschränkung der Bewegungsfreiheit trifft letztendlich alle Bürger gleichermassen.

Und um wie viel mehr gilt dies für die Gefahren eines Krieges, der Gewalt und Hass mit nichts anderem zu beantworten weiß als mit Gewalt und Hass. Diese Logik muss durchbrochen werden, sonst schaukeln wir uns immer tiefer in eine endlose Gewaltspirale hinein, deren Opfer wir alle, alle Menschen sein werden. Alle Menschen, die Gewissen und Moral verpflichtet sind, gleich welchen Glaubens oder Weltanschauung, sollten diese Gefahren gemeinsam bekämpfen, die Spaltungsversuche zurückweisen und im Dienste des Friedens zusammenarbeiten.

Denn viel wichtiger als die Unterschiede ist, dass wir für die gleichen Grundwerte eintreten. Lohnt es sich nicht, sich für eine wahrhaft pluralistische Gesellschaft auf der Grundlage geteilter Grundwerte einzusetzen? Wäre dies nicht ein großer Schritt in die Richtung einer menschlicheren Gesellschaft, in der Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen herrschen?

Wir alle haben unsere Toten zu beklagen. Lernen wir endlich daraus! Durchbrechen wir die Spirale von Hass und Gewalt! Wachen wir endlich auf und begreifen wir, dass es keine geteilte Sicherheit und keinen geteilten Frieden geben kann. Frieden und Gerechtigkeit ist unteilbar: Nur wenn alle meine Mitmenschen in wahrhaftem Frieden leben, kann auch ich in Frieden leben!

Lassen Sie mich mit den gleichen Worten schließen, mit denen ich begonnen habe, mit dem Islamischen Gruss:

As-salamu alaikum

Der Friede sei mit euch!

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