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365   Die Niederschrift des heiligen Qur'an

 

 

 

   

Auszug aus dem Buch Die wahre Religion und das Göttliche Buch von Ahmet Tomor, ins Deutsche übersetzt von Abd al-Hafidh Wentzel.

 

Muhammad, der letzte Prophet Allahs - Allah segne ihn und schenke ihm Frieden -  wurde in Mekkah geboren. Als er vierzig Jahre alt war, wurde ihm das Prophetentum verliehen. Danach lebte er dreizehn Jahre in Mekka und zehn Jahre in Medina, so dass sein Prophetentum über einen Zeitraum von dreiundzwanzig Jahren andauerte. Die ersten Verse des Qur’ān, des letzten göttlichen Buches, wurden ihm auf dem ‘Berg des Lichts’ [jabal al-nūr] geoffenbart. Nach dreiundzwanzig Jahren endete die Offenbarung des Qur’ān.

 

Da der Qur’ān das letzte göttliche Buch ist, sollte es nicht verwundern, dass sich seine Eigenschaften von denen früherer Bücher unterscheiden. Eine dieser speziellen Eigenschaften besteht darin, dass der Qur’ān unter dem besonderen Schutz Allahs steht. Allah sagt diesbezüglich:

 

"Wahrlich, Wir haben die Ermahnung offenbart und wahrlich, Wir werden ihr Hüter sein!"

(Qur’ān, 15:9)

 

Weil der Qur’ān unter göttlichem Schutz steht, wird er nicht verfälscht werden, keines seiner Worte wird verändert werden, und er wird bis zum Jüngsten Tage in der Sprache, in der er dem Propheten Muhammad – Segen und Friede seien auf ihm – offenbart wurde, in seiner ursprünglichen Form fortbestehen und Gültigkeit besitzen.

 

Die Feindseligkeiten gegen den Qur’ān, die schon mit Abū Jahl (‘Amr Abū al-Hakam, genannt Abū Jahl [Vater der Unwissenheit], war ein Stammesführer der Quraysch und ein erbitterter Feind des Islam.) ihren Anfang nahmen, haben sich zu manchen Zeiten bis hin zu Staatsterror ausgeweitet. Dennoch war niemand in der Lage, auch nur ein Wort des Qur’ān zu ändern, wie wir nachfolgend aufzeigen werden. Während die Feinde des Qur’ān unter der Erde verwesen, steht der Qur’ān kerzengerade da, wie vor über 1400 Jahren.

 

Eine weitere Eigenart des Qur’ān besteht darin, dass dieser – im Gegensatz zu früheren göttlichen Büchern, die ihren Verkündern in einem Stück o%enbart wurden – dem Propheten über einen Zeitraum von dreiundzwanzig Jahren verteilt, in Einzelteilen, das heisst, in Form von kurzen Suren sowie einzelnen Versen [āya], o%enbart wurde. Diese Offenbarungen liess der Prophet Muhammad – Segen und Friede seien auf ihm – innerhalb kurzer Zeit von den Schreibern der Offenbarung festhalten, während er sie denen, die um ihn waren, Vers für Vers, Wort für Wort, vortrug, wobei er im Allgemeinen
jeden Vers drei Mal wiederholte.

 

Diejenigen, welche die neu offenbarten Verse vom Propheten gehört hatten, verbreiteten das, was sie soeben gelernt hatten, weiter und überbrachten denen, die nicht dabei gewesen waren, die Botschaft. Die des Lesens und Schreibens Kundigen unter ihnen lernten die neu offenbarten Verse von ihren Niederschriften auswendig, während die Analphabeten sie durch Zuhören lernten. Die Offenbarung des Qur’ān in kurzen Abschnitten wie Versen und Suren über einen langen Zeitraum von dreiundzwanzig Jahren stellte sicher, dass jeder Vers niedergeschrieben, auswendig gelernt, verstanden und im täglichen Leben praktisch angewandt wurde. Auf diese Weise wurde das Leben der Muslime Schritt für Schritt der Botschaft
und den Lehren des Qur’ān angepasst.

 

Auch ein Vergessen der Verse des Qur’ān war unmöglich, da diese durch Rezitation während der fünf täglichen Gebete ständig wiederholt wurden. So wurde der Qur’ān zu einem festen Bestandteil des täglichen Lebens der Muslime. Alle Bereiche ihres individuellen und gesellschaftlichen Lebens, selbst die Art und Weise wie sie assen, tranken, heirateten und ihre Erbschaftsangelegenheiten regelten, richteten sich nach dem Qur’ān. Sogar die Kinder, die auf der Strasse spielten, ermahnten ihre Spielkameraden, wenn diese ungezogen waren, mit den Versen des Qur’ān.


Der Prophet Muammad – Allahs segne ihn und schenke ihm Frieden – praktizierte den Qur’ān in seinem täglichen Leben, liess ihn niederschreiben und Wort für Wort auswendig lernen. Er verkündete dessen Botschaft durch die tägliche Rezitation im Morgen-, Abend und Nachtgebet, im Freitagsgottesdienst und den Festtagsgebeten. In seiner Abschiedspredigt auf der Pilgerfahrt rief er seine Gefährten zu Zeugen auf, indem er sie dreimal fragte: „Habe ich die Botschaft überbracht?“ worauf die Gefährten mit „Ja, das hast du, O Gesandter Allahs!“ antworteten. Da hob er seine Hände gen Himmel und rief: „Sei Du Zeuge, O mein Herr!

 

Nachdem er von der Pilgerfahrt zurückgekehrt war, erkrankte unser geliebter Prophet – auf ihm seien Segen und Friede – und im Monat Rabi‘ al-Awwal des folgenden Jahres ging er hinüber in die jenseitige Welt.

 

Nachdem der letzte Prophet diese vergängliche Welt verlassen hatte und in die jenseitige Welt eingegangen war, endete das Zeitalter des Prophetentums auf dieser Erde und das Zeitalter der Prophetengefährten und ihrer Nachfolger brach an. Ihre Aufgabe bestand darin, das Islamische Staatswesen zu erhalten und den kommenden Generationen die Botschaft des Qur’ān und der Sunna  (Mit Sunna bezeichnet man das beispielhafte Verhalten des Propheten Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden –, das neben dem Qur’ān als Richtschnur für die Lebensführung der Muslime gilt.) zu vermitteln.

 

In jener Zeit wurde der gesamte Qur’ān, dessen Offenbarung kurz vor dem Tod des Propheten Muhammad – Segen und Friede seien auf ihm – vollendet war, in Form eines Buches zusammengefasst.

 

Als während des Kalifats des Abū Bakr – möge Allah mit ihm zufrieden sein – im Verlauf der Schlacht von Yamāma siebzig jener Prophetengefährten umkamen, die den gesamten Qur’ān auswendig kannten, zeigte sich ‘Umar – möge Allah mit ihm zufrieden sein – sehr besorgt über die Zukunft des Qur’ān. Auch wenn zu diesem Zeitpunkt kein direkter Anlass für solche Befürchtungen bestand, weil es noch immer Tausende von Prophetengefährten gab, die den Qur’ān ganz oder teilweise auswendig kannten oder gar zu den Schreibern der Offenbarung zählten, stellte sich die Frage, was nach deren Tod geschehen würde. Dies war, was ‘Umar – möge Allah mit ihm zufrieden sein – Sorgen bereitete. Denn auch sie würden diese Welt verlassen.

 

‘Umar suchte den Kalifen Abū Bakr – möge Allah mit ihnen beiden zufrieden sein – auf, teilte ihm seine Sorge mit und betonte dabei, dass er es für dringend notwendig hielt, die Verse und Suren des Qur’ān in der richtigen Reihenfolge vollständig in Form eines Buches zu sammeln, solange noch Tausende von Prophetengefährten lebten, die den Qur’ān ganz oder teilweise auswendig kannten und die Schreiber der Offenbarung noch unter ihnen weilten.

 

Der ehrwürdige Abū Bakr teilte ‘Umars Sorge. Auch er hielt es für zu riskant, diese Aufgabe späteren Generationen zu überlassen. Auch fürchtete er, als der für die Gemeinschaft Verantwortliche von Allah zur Rechenschaft gezogen zu werden, wenn er in dieser Situation nicht handelte. So rief er, nachdem er sich mit einigen der Prophetengefährten beraten hatte, eine Kommission zusammen und bat Zayd ibn Thābit – möge Allah mit ihm zufrieden sein – diese zu leiten.

 

Wer war Zayd ibn Thābit?

 

Zayd ibn Thābit war einer derer, die den gesamten Qur’ān am besten auswendig kannten und zählte zu den vom Propheten selbst beauftragten Schreibern der Offenbarung. Er gehörte zu den Helfern [ansār], jenen Bewohnern von Medina, die einst dem Propheten mit ihrem Treueeid ihre Unterstützung zugesagt hatten. Zayd war, bereits vor der Auswanderung [hijra] des Propheten, im Alter von elf Jahren auf Einladung von Mus‘ab ibn ‘Umayr zum Islam gekommen. Danach war er stets an Mus‘abs Seite geblieben, hatte die Verse des Qur’ān, die er von ihm hörte, auswendig gelernt und diese anschließend die Kinder von Medina gelehrt.

 

Nach der Hijra wurde Zayd, da er eine sehr schöne Handschrift hatte, zum Schreiber des Propheten – Allahs Segen und Friede seien auf ihm –, wobei er nicht nur die Offenbarung niederschrieb, sondern auch die offizielle Korrespondenz des Propheten führte. Denn nachdem der Islamische Staat politisch an Bedeutung gewonnen hatte und von mehreren anderen Staaten anerkannt worden war, erhielt der Prophet – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – Briefe von Staatsmännern, die ins Arabische übersetzt und beantwortet werden mussten. Deshalb bat der Prophet – auf ihm seien Segen und Friede – Zayd, der über ein hervorragendes Gedächtnis verfügte, Hebräisch und Alt-Syrisch zu lernen. Zayd sah es als eine heilige P*icht an, dieser Bitte des Propheten nachzukommen, und lernte beide Sprachen innerhalb kurzer Zeit so gut, dass er sie lesen und schreiben konnte wie seine Muttersprache.

 

Die Kommission

 

Die von Zayd ibn Thābit geleitete Kommission nahm ihre Tätigkeit entsprechend den Direktiven des Kalifen auf. Diese besagten:

 

1. Die Arbeit der Kommission soll öffentlich sein und jedem, der ihrer Tätigkeit beizuwohnen wünscht, soll dazu Gelegenheit gegeben werden.

2. Kein Qur’ānvers, den nur eine Person auswendig weiß, soll niedergeschrieben werden, ohne dass er schriftlich belegt wäre.

3. Nicht jede Niederschrift eines Verses soll akzeptiert werden, sondern nur die Niederschrift, für die es mindestens zwei Zeugen gibt, die bestätigen, dass dieser Vers vom Propheten in ihrer Gegenwart zur Niederschrift diktiert wurde. Darüber hinaus müssen die Verse von jenen, die den Qur’ān auswendig kennen, bestätigt werden.

4. Die Suren sollen in der vom Propheten übermittelten Reihenfolge und nicht entsprechend der zeitlichen Abfolge ihrer Offenbarung niedergeschrieben werden.

Nach langer und minutiöser Arbeit beendete die Kommission ihre spirituell höchst verantwortungsvolle Tätigkeit und die Kompilation des Qur’ān, des letzten Göttlichen Buches, war abgeschlossen. Die Seiten wurden gebunden und den Prophetengefährten zur Prüfung vorgelegt. Nachdem es wieder und wieder gelesen, geprüft und schließlich einstimmig von Tausenden von Prophetengefährten bestätigt worden war, wurde dieses Buch als ‘Urschrift des Qur’ān’ [umm al-mushaf] akzeptiert und von Abū Bakr in seiner Eigenschaft als Kalif in Empfang genommen und verwahrt.

Die Zeit der Herrschaft des dritten Kalifen ‘Uthmān ibn ‘Affān – möge Allah mit ihm zufrieden sein – war für das Islamische Reich eine Periode großer Expansion. Der an der Eroberung Aserbaidschans und Armeniens massgeblich beteiligte Prophetengefährte Hudhayfa sprach nach seiner Rückkehr nach Medina den Kalifen ‘Uthmān an und sagte:  „Ich schlage vor, Kopien der Urschrift des Qur’ān anzufertigen und diese in die weit von Medina entfernten Zentren des Islam, die keinen Zugang zu der Urschrift haben, zu senden, so dass diejenigen, die dort neu zum Islam gekommen sind, ebenfalls davon pro(tieren können.

Daraufhin berief ‘Uthmān erneut eine Kommission unter Leitung von Zayd ibn Thābit – möge Allah mit ihnen beiden zufrieden sein – ein, welche wortgetreue Abschriften des Originals anfertigte, die ‘Uthmān dann in die Hauptstädte der verschiedenen Provinzen sandte.

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